05.11.2026 12:00
Zahlenkrieg um Landgeschäfte
Simon Wolfer, Andreas Schweizer und Marcel Preiss stellten sich den Fragen von Mario Testa beim Podiumsgespräch im Thurgauerhof
Eine der wohl komplexesten Abstimmungen der letzten Jahre erwartet die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger am 29. November. Umso dankbarer war sichtlich die Bevölkerung, als Mario Testa zu seinem Format «WAZ und Wurst» ins Foyer des Thurgauerhofs ein.
Weinfelden Grund für das Treffen sind Stadtratskandidatin Bea Marasco und Stadtparlamentarier Marcel Preiss (GLP). Letzterer stand beim Podium Stadtpräsident Simon Wolfer und Leiter des Musik- und Tanzzentrums Andreas Schweizer gegenüber. Seit fünf Jahren liefen Verhandlungen zwischen der Stadt, der Schreinerei Kasper AG und der Musikschule. Die Kasper AG ging 2022 auf Wolfers Vorgänger Max Vögeli zu und bekundete Interesse, die Parzelle Hinderau im Industriegebiet zu erwerben. «Nach meinem Amtseintritt 2023 war es eines der ersten Projekte, das ich in Angriff nahm», so Wolfer. Für ihn kam nur ein Tausch mit dem Grundstück der Schreinerei an der Hermannsstrasse nahe Bahnhof und Musikschule in Frage. Darauf ist ein Gebäude, welches optimal für die Musikschule wäre und ihr die Möglichkeit gäbe, sich langfristig räumlich weiterzuentwickeln. «Meine Aufgabe ist es, Lösungen zu finden und diese stelle ich dem Stadtrat damals vor.»
Wieso nicht teurer?
«Warum verkauft ihr das Land so billig?», wollte Mario Testa wissen und griff so einen der Kritikpunkte des Referendumkomitees auf. «Beide Grundstücke wurden geschätzt. Das Grundstück der Schreinerei liegt in der Zone 4, also Bauzone. Die Hinterau in der Industrie.» Das sei wie Äpfel mit Birnen vergleichen.
Marcel Preiss schüttelt den Kopf und bekommt das Wort. «Die Sache ist uns sauer aufgestossen. Wir kommen bei den Schätzungen auf eine andere Grundlage. Dazu wurde der Verkehrswert nicht schätzen gelassen», klagt Preiss. Dies sei so nicht korrekt, kontert Wolfer. Er nannte das öffentlich zugängliche Dokument, auf diesem der Verkehrswert: «oder bei uns als Marktwert bezeichnet, ersichtlich ist.» Preiss bat, dass er ihm nach der Veranstaltung diese Unterlagen zukommen lassen. Der Verkehrswert beschreibt den geschätzten Preis, den eine Immobilie unter normalen Marktbedingungen bei einem Verkauf erzielen würde. Mitunter ein Grund für den effektiv tief gewählten Verkaufspreis: Der Boden ist belastet mit Bauschutt. Diese Altlasten sachgerecht zu entsorgen, koste über 800'000 Franken. Aktuell käme dies bei der Kaspar AG nicht in Frage – sollte später doch ein Aushub geplant sein, wäre diese Entsorgung rechtlich nötig. Ein weiterer Punkt, welchen Preiss stört. «Warum handelt die Stadt hierbei nicht vorbildlich und räumt die Altlasten vor einem Verkauf weg?» Wolfer ging nicht näher darauf ein. Preiss bemängelt weiter die Transparenz seitens Stadtrat. Die Stadtparlamentarier und Fraktionen hätten zu wenig Zeit gehabt, um die Unterlage zu studieren. «Teile wurden auf meine Bitte per PDF nachgereicht. Den Rest konnte ich vor der Parlamentssitzung im ‘stillen Kämmerchen’ anschauen.»
Gegenwehr
Die Entscheidung des Stadtparlaments war klar: «20 Ja, 2 Nein und paar Enthaltungen. Warum habt ihr das klare Resultat nicht respektiert», fragt Testa. «Meine These ist, dass das Interesse des Parlaments am Geschäft einfach gering war. Die Musikschule hat auch eine Infoveranstaltung abgehalten, gerade mal drei Parlamentarier waren vor Ort.»
Mario Testa leitete an Andreas Schweizer weiter. «Für was braucht ihr überhaupt das Gebäude auf dem Land der Schreinerei?» Es sei eine historische Chance für die Musikschule, ein Gebäude zu erwerben, das wie geschaffen für sie sei. «Für den Tanz brauchen wir Fläche. Diese ist beim Gebäude optimal geschaffen, auch die Höhe. Dazu liegt es direkt am Bahnhof und in der Nähe der Schulkomplexe.» Er denkt hier an die Talentförderung von Schülerinnen und Schüler. «Wir haben finanziell alles durchgerechnet. Es wird ein grosser Lupf, aber es funktioniert.» Das Land wird für 99 Jahre zinslos von der Stadt zur Verfügung gestellt. Verlorenes Geld, findet Preiss. Dies sei nicht aussergewöhnlich und auch bei anderen Kultur- und Sportstätten wie dem Inlinedrom erprobt. «Das Land ohne Zins zu veranlagen, ist unser Beitrag in Bildung und Kultur», so Wolfer selbstbewusst.
Dann gehörte das Wort dem Publikum. Arthur Huber ist ehemaliges Mitglied der Baukommission der Musikschule und schoss hart gegen Schweizer. Dieser blieb aber gelassen und konterte auf Aussagen von Huber wie: «Dieser Hip Hop muss im Privatunterricht angeboten werden, nicht im Musik- und Tanzzentrum. Und was wenn dieser Trend vorbeigeht?» Das Publikum schmunzelte, wissentlich, dass der Tanzstil seit den 70-er Jahren beliebt ist. Dazu sagt Schweizer: «Hip Hop nimmt einen sehr kleinen Teil unseres Programms ein», so Schweizer. Huber wollte dazu wissen, warum die Musikschule den Verein auflöste und in eine Stiftung umwandelte.
Der Leiter fasste kurz zusammen, verwies ihn aber auf verschiedene aktuelle Medienberichte, in diesen das Thema behandelt wird. Bea Marasco nahm auch einen Anlauf und wollte wissen, warum Simon Wolfer immer noch als Stiftungsrat der Musikschule im Handelsregister eingetragen sei. Die Frage war schnell beantwortet und sie schoss sich mangels genügender Recherche ein Eigentor. «Der Stadtpräsident war immer Mitglied des Stiftungsrates. Ich bin nicht mehr Teil der Stiftung, sondern Erwin Wagner. Ich ging bei den Verhandlungen in den Ausstand und war bei den Beschlüssen nicht dabei. Der Registereintrag wurde schlicht und einfach noch nicht aktualisiert, wie es mir scheint.» Auch Andreas Schweizer bestätigte achselzuckend: «Die Musikschule hat die Anpassung längst erledigt.»
Bei einem Nein gäbe keine
Verhandlungen mehr
Bei der Schlussrunde hatte jeder der Podiumsredner die Chance, nochmals kurz seine Sichtweise zu erläutern. Für Preiss seien zu viele Fragen offen. Er wünsche sich mehr Transparenz. Simon Wolfer sagte: «Wir haben möglichst viele Interessen berücksichtigt. Nicht nur das Geld. Wir können mit einem Ja an der Urne ein Gewerbe vom Zentrum ins Industriegebiet umsiedeln und schaffen für die Musikschule einen perfekten Standort. Die Sache sei stimmig.
Andreas Schweizer machte den Schluss. «Es wäre schön, wenn die feinen Kinderstimmen nicht vom Gepolter der Erwachsenen übertönt werden.» Mit dieser starken Aussage traf er einen Nerv. Bei einem Nein an der Urne ist diese Chance nämlich vertan. Der Stadtrat wird keine neue Schätzung vornehmen oder die Verhandlungen erneut beginnen. Ein Nein an der Urne bedeutet sinnbildlich ein Nein zur Entwicklung der Musikschule.
Desirée Müller