21.10.2026 07:51
Eine Warnung oder doch ein Zufall?
Im Thurgau gingen im Zweiten Weltkrieg an einigen Orten Bomben nieder - Tägerwilen war zuerst betroffen
Es war eine traurige Premiere: Am 5. Juni 1940 fielen erstmals im Zweiten Weltkrieg Bomben auf Schweizer Boden. Getroffen hat es Tägerwilen. Französische Flugzeuge waren verantwortlich, der Abwurf kam aus Versehen zustande.
Tägerwilen Die Offiziersgesellschaft Thurgau feiert dieses Jahr ihr 200-jähriges Bestehen. «Das Jubiläum nehmen wir zum Anlass, der Bevölkerung etwas zu geben, das Bestand hat», begrüsste Christoph Richard im Namen der Offiziersgesellschaft an der Glaserstrasse 10 zur Einweihung der «Plakette in meinem Ort - Die Armee im Thurgau». Das Ziel sei es, diese an möglichst vielen Orten im Thurgau anzubringen. In Tägerwilen, an der Glaserstrasse 10, verweist sie auf den Bombenabwurf französischer Flugzeuge am 5. Juni 1940. Bruno Sutter, Präsident des Historischen Vereins am Seerhein, ging auf dieses Ereignis ein. «Es war ein Schock für die Tägerwiler Bevölkerung, als um 2 Uhr morgens Bomben im Gebiet Glaserstrasse/Hauptstrasse fielen», blickte er zurück. Die sechs Bomben hätten glücklicherweise nur Sachschaden angerichtet, «das betroffene Gebiet war damals wenig überbaut».
Schäden entstanden an Telefon- und Stromleitung sowie an Dächern, auch die Hauptstrasse wurde getroffen. «Den Schaden von 6708 Franken bezahlte das Vichy-Regime», sagte Bruno Sutter. Die grosse Frage aber blieb: «Warum wurde Tägerwilen von französischen Flugzeugen bombardiert?». Es seien damals verschiedene Antworten gefunden worden. Eine Gruppe sei der Meinung gewesen, dass die Bomben nicht zufällig niedergegangen seien. Auslöser sei für sie die kooperative Haltung der Schweiz gegenüber Nazi-Deutschland gewesen. Vor allem die Waffenindustrie habe profitiert: «Die Eidgenossenschaft durfte aufgrund der Neutralität keine Waffen exportieren, private Firmen wie etwa Oerlikon-Bührle schon», erklärte Bruno Sutter. Für eine andere Gruppe sei der Bombenabwurf ganz einfach ein Versehen gewesen, ein blöder Zufall. Sie nahm an, dass die Konstanzer Kaserne nördlich des Rheins das Ziel der französischen Bomber gewesen sei. «Tatsächlich hat man nirgends Beweise gefunden, dass die Schweiz getroffen werden sollte», schloss Bruno Sutter das Thema.
Der Demokratie Sorge tragen
Im Gegensatz zu heute verfügten die Flugzeuge damals über keine moderne Navigationsinstrumente, sie flogen auf Sicht oder mit Hilfe von Papierkarten und Kompass. Geografische Gegebenheiten wie Flüsse, Seen oder Berge dienten als Orientierungshilfe. Die Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1940 sei eine ganz dunkle, fast mondlose Nacht gewesen, gab Bruno Sutter zudem zu bedenken. Die Navigation war für die Piloten also sehr erschwert.
«Es ist wichtig, sich mit historischen Ereignissen auseinanderzusetzen», meinte Gemeindepräsident Markus Ellenbroek. Es gebe weltweit 30 bewaffnete Konflikte, mehr als die Hälfte der Staaten würden autokratisch regiert. Demokratien seien inzwischen in der Minderheit. «Das geht auch uns etwas an, wir müssen unsere Demokratie und unsere Werte verteidigen, die Schweiz muss sich als neutraler Staat im Rahmen des Möglichen für Konfliktlösungen einsetzen». Übrigens: Die nächste Tägerwiler Plakette kommt zum Trompeterschlössle.
Von Kurt Peter