Raffaella Strähl: «Die Verwaltung ist mit Altlasten beschäftigt und muss auch noch den alltäglichen Betrieb meistern». ⋌Kurt Peter
15.10.2026 04:00
«Sehr viel Arbeit für die Gemeinde geschieht hinter den Kulissen»
Die Kemmentaler Gemeindepräsidentin Raffaella Strähl ist trotz einer anonymen Flugblattaktion deutlich im Amt bestätigt worden. Im Interview spricht sie über ein Amt, das sich grundlegend verändert hat, über eine Gesellschaft mit hoher Erwartungshaltung und wenig Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen
Mitte September wurde ein anonymes Flugblatt verteilt, das Ihre Abwahl zum Ziel hatte. Sie wurden deutlich wiedergewählt.
Das Ziel wurde klar verfehlt. Wer Kritik hat, soll mit seinem Namen dazu stehen – und wenn diese Person überzeugt ist, es besser zu können, soll sie kandidieren. Ein Flugblatt ohne Absender kostet nichts, eine Kandidatur verlangt Mut. Ich habe das Schreiben zur Kenntnis genommen, mehr nicht. Die Antwort haben die Stimmberechtigten gegeben.
Im Dorf heisst es, ein Mitglied des Gemeinderats habe bei dieser Gruppe mitgemacht. Wurde das auch Ihnen zugetragen? Und was ist, wenn das so ist?
Ja, das wurde mir mehrfach zugetragen. Sollte es so sein, wäre das ein schwerer Vertrauensbruch: Wer im Gemeinderat Entscheide mitträgt und gleichzeitig anonym gegen dieselbe Behörde Stimmung macht, spielt ein doppeltes Spiel. Und würde dabei vertrauliches Wissen aus dem Rat verwendet, wäre das keine politische Frage mehr.
Zitat aus dem Flugblatt: «In der Bauverwaltung herrscht mittlerweile ein solcher Stillstand, dass einfache Bewilligungen ein halbes Jahr lang unbearbeitet liegen bleiben».
«Unbearbeitet» hiesse unangetastet – und das ist spätestens seit der Neubesetzung der Bereichsleitung Hochbau definitiv nicht mehr der Fall. Die Bauverwaltung arbeitet Pendenzen zügig ab. Dafür bekommen wir aus der Bevölkerung positive Reaktionen. Die allermeisten Gesuche, die länger dauern, warten nicht auf uns, sondern auf die Eigentümer oder die Projektverfasser. Unsere Bauverwaltung bearbeitet ein Gesuch erst, wenn alle Unterlagen korrekt vorliegen – vorher nicht. Dann kommt es in die normale Reihenfolge, ohne Vorzugsbehandlung. Wer fehlende Unterlagen erst nach Monaten nachreicht, kann hinterher leicht behaupten, sein Gesuch sei ein halbes Jahr liegen geblieben. Fairerweise müsste erst ab korrekter und vollständiger Einreichung die Zeit zu laufen beginnen.
Sie haben also kein einfaches Amt angetreten?
Nein, und das wusste ich. Unruhe gab es schon unter meinen Vorgängern. Die Bevölkerung war schon länger nicht mehr zufrieden.
Kritiker sagen, Sie gingen zu forsch vor.
Wer Missstände beseitigt, tritt immer jemandem auf die Füsse. Dass das nicht allen passt, nehme ich in Kauf. Mein Auftrag kommt von der Bevölkerung, die hat ihn mit der Wiederwahl deutlich bestätigt. Ich bin gradlinig und lasse mich nicht verbiegen, das passt nicht allen.
Wie hat sich das Amt einer
Gemeindepräsidentin verändert?
Grundlegend. Die Aufgaben der Gemeinden sind enorm gewachsen. Bund und Kanton beschliessen, die Gemeinde setzt um – wir sind das letzte Glied der Kette. Und wir sind es, die den Leuten am Schalter erklären müssen, was andere entschieden haben. Raumplanung, Sozialwesen, Datenschutz, Digitalisierung, Energie: Das alles ist komplexer geworden und verlangt Fachwissen. Ein Gemeindepräsidium ist heute ein Führungsamt mit grosser Verantwortung. Mit dem Bild vom Dorfoberhaupt, das vor allem Hände schüttelt, hat das wenig zu tun. Wenn eine Idee nicht umgesetzt werden kann, liegt das selten am fehlenden Willen.
Gleichzeitig sind die Erwartungen gestiegen.
Und zwar deutlich. Alles soll sofort gehen und nach eigenem Wunsch. Wenn es nicht so läuft, hören unsere Mitarbeitenden immer öfter Sätze wie «Ich bezahle Ihren Lohn». Wer so mit Menschen umgeht, die für die Allgemeinheit arbeiten, hat nicht verstanden, wie eine Gemeinde funktioniert. Eine Gemeinde ist nicht einfach ein Dienstleistungsbetrieb, bei dem man bestellt und reklamiert. Sie arbeitet in einem engen Korsett. Kritik ist erlaubt, auch wir machen Fehler, aber sie sollte konstruktiv sein.
Ist das nicht typisch für unsere Zeit?
Leider ja. Alle wollen alles, aber immer weniger wollen Verantwortung übernehmen. Das sieht man überall: Vereine finden keine Vorstandsmitglieder, Kommissionen sind schwer zu besetzen, für Behördenämter gibt es immer weniger gute Kandidaturen. Es ist eben einfacher, den Eintritt zu bezahlen und ein Konzert zu konsumieren, als sich hinter den Kulissen für eine lebendige Gemeinde einzusetzen und selbst Verantwortung zu übernehmen. Unser Milizsystem funktioniert aber nur, wenn Menschen bereit sind, sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Wer nur fordert und nichts beiträgt, sägt am Ast, auf dem wir alle sitzen.
Und anonyme Flugblätter
machen ein solches Amt auch nicht attraktiver.
Ganz und gar nicht. Wer gibt schon eine attraktive Stelle auf, um sich den täglichen Herausforderungen einer Gemeinde zu stellen – mit der Gewissheit, an allem schuld zu sein, was passiert? Jeder Entscheid ist für die einen richtig, für die anderen falsch. Es allen recht zu machen, ist weder mein Ziel noch möglich. Wer heute ein Gemeindepräsidium übernimmt, braucht ein dickes Fell. Ich habe es. Aber ich frage mich, wie viele gute Leute wir verlieren, weil sie sich das nicht antun wollen. Umso mehr haben mich die vielen positiven Reaktionen auf meine Wiederwahl und die Gratulationen aus der Bevölkerung und der Politik gefreut.
Woran sollte man ein Gemeindepräsidium denn messen?
An den Zahlen und der Arbeit. Meine Kritiker wären überrascht, wenn sie wüssten, was ein Gemeindepräsidium alles leistet, das seinen Job gut machen will. Das meiste davon geschieht hinter den Kulissen. Es gibt einige wenige – zum Glück nur wenige –, die eine Gemeindepräsidentin vor allem daran messen, an wie vielen Dorfanlässen sie auftaucht.
Ihre Kritiker scheinen eher Sie persönlich nicht zu mögen als konkrete Fakten liefern zu können.
Das sehen Sie richtig. Und gerade weil es im Grundsatz um mich als Person geht, werden die Behauptungen über und gegen mich immer absurder.
Und wenn sie bei der nächsten Wahl wieder aus dem Hinterhalt angegriffen und bekämpft werden?
Dann wäre das nur noch armselig und peinlich.
Interview Kurt Peter