Der evangelische Dorfpfarrer Christian Stahmann beim Hundegottesdienst.
30.10.2026 10:37
Dieser Dorfpfarrer denkt neu
Christian Stahmann versucht die Kirche in Scherzingen zu beleben - langsam nehmen seine Aktionen Fahrt auf
Hundegottesdienst, Kunst in der Kirche oder Nächte im Wald: Christian Stahmann ist seit März 2025 evangelischer Pfarrer in Scherzingen und probiert vieles aus, um Menschen wieder für Kirche zu interessieren. Am 12. Dezember konnte er Autor und Regisseur Thomas Meyer (erster Schweizer Netflix-Film) für eine Kinderlesung gewinnen.
Scherzingen Christian Stahmann kommt mit ruhigen Schritten auf mich zu. Sneakers, Pullover, Cordhose – unkompliziert, nahbar und mit einem Lächeln, das sofort ansteckt. Er lacht viel, am liebsten über sich selbst und all seine Geschichten. Wie diese, dass er seine Frau sechs Wochen nach der ersten Begegnung heiratete. Allein diese Story ist ein Drehbuch wert. Die 60 Jahre Lebenserfahrung sieht man ihm nicht an. Auch seine Ausdrucksweise ist für einen Pfarrer erfrischend direkt. Stahmann erzählt ohne pastoralen Filter, oft trocken, manchmal fast beiläufig und gerade deshalb bleiben seine Geschichten hängen. Er führt mich in «seine» Kirche.
Doch wer das Gotteshaus in Scher-zingen betritt, findet im Innern derzeit weniger einen klassischen Sakralraum als vielmehr einen kulturellen Treffpunkt. Im Chorraum zieht statt des Altars ein Kunstobjekt den Blick auf sich. Rechts und links ragen fast drei Meter hohe Leinwände empor, dazwischen fügen sich aus Eisen gegossene Stelen zu einer sorgfältig inszenierten Installation zusammen. Die Werke stammen von der Bottighofer Künstlerin Heidi Lenz. Es ist eines der jüngsten Projekte des Pfarrers: Kunst in die Kirche bringen und damit im besten Fall auch Menschen, die sonst vielleicht nicht durch diese Tür treten würden.
Schuldekan zum Dorfpfarrer
Vor seinem Umzug in die Schweiz bewegte sich sein beruflicher Alltag in einem ganz anderen Kontext. Acht Jahre lang war er Schuldekan des Evangelischen Kirchenbezirks Freiburg im Breisgau und damit für die Fachaufsicht über den evangelischen Religionsunterricht an öffentlichen und privaten Schulen im Kirchenbezirk zuständig. Rund 60 Religionslehrkräfte standen unter seiner Dienstaufsicht, mehr als 10'000 Schülerinnen und Schüler gehörten zu seinem Verantwortungsbereich. Heute ist sein Wirkungsfeld kleiner, die Aufgabe deshalb aber nicht zwingend einfacher. Auch in Scherzingen sinkt die Zahl der Gemeindemitglieder. Menschen zu erreichen, die mit Kirche nur noch wenig anfangen können, sei eine Herausforderung. Deshalb soll sich die Kirche für Stahmann bewusst niederschwellig zeigen und Angebote schaffen, die auch Menschen erreichen, die mit Kirche bislang wenig Berührungspunkte haben. Ob dieser Ansatz in Scherzingen und Bottighofen aufgeht, wird sich zeigen. Für die Kirchenvorsteherschaft und Stahmann ist die Richtung jedenfalls klar: «Neue Wege gehen und Chancen ergreifen.»
Dass die Kirchgemeinde dabei selbst vor Ungewöhnlichem nicht zurückschreckt, zeigte sich bereits bei der Suche nach einem neuen Pfarrer. Vor gut zwei Jahren warb sie nicht mit einem klassischen Stelleninserat, sondern mit einem Videoclip um Bewerber. Genau dieser Auftritt habe ihn neugierig gemacht, erzählt Stahmann. «Deshalb habe ich mich hier beworben.»
Zwölf Hunde - ein Dutzend Segen
Dass er nicht darauf wartet, bis die Menschen von selbst zu ihm kommen, zeigt schon ein Blick auf seinen Veranstaltungskalender. Da wäre etwa jener Gottesdienst, zu dem zwölf Hunde samt Frauchen und Herrchen erschienen. «Einer zeigte sich eher zurückhaltend. Die anderen schienen meinen Worten geradezu tierisch gespannt zu folgen», sagt der dreifache Vater und lacht.
Am Ende segnete er jeden Hund einzeln. Nicht mit einem vorbereiteten Einheitsspruch, sondern mit persönlichen Worten, die ihm im Moment einfielen – je nach Aussehen und Verhalten des Tieres und danach, was er zwischen Hund und Frauchen oder Herrchen beobachtete. Als Andenken gab es von ihm eine Dose mit Hundeleckerlis drin. Ein Comic-Hund mit Flügeln ziert den Deckel. Typisch Stahmann, könnte man sagen.
Auf der Suche nach der Kirche von morgen
Natürlich brauchen solche Ideen Zeit. Noch platzt die Kirche in Scherzingen am Sonntag nicht aus allen Nähten. Doch Stahmann beobachtet, dass wieder mehr Menschen kommen und dass das Publikum vielfältiger geworden ist. Menschen, die sonst kaum einen Gottesdienst besuchen würden, finden über besondere Formate den Weg in die Kirche. Was ihm allerdings noch fehlt, sind mehr junge Gesichter. Gerade sie zu erreichen, dürfte eine der grossen Aufgaben auf dem Weg zur Kirche von morgen werden. Direkten Kontakt habe die Kirche vor allem über die Schülerinnen und Schüler und später über die Konfirmandinnen und Konfirmanden.
Gerade für Letztere nimmt sich Stahmann viel Zeit und Musse. Früher in seiner deutschen Kirchengemeinde wanderte er mit ihnen. Am Bodensee startet der Konfirmanden-Unterricht mit einem Segelwochenende am Untersee. « Es ist mir wichtig, erlebnispädagogische Akzente zu setzen.» Einmal wagte er mit 14 Jugendlichen ein besonderes Experiment im Wald. In der Mitte befand sich ein gemeinsames Camp, rundherum sollte jede und jeder bei einem eigenen Baum die Nacht verbringen. Allein zwischen den Bäumen zu liegen, war ihnen dann doch nicht ganz geheuer. Ein spannender Versuch, findet er rückblickend. Bei diesem einen Mal blieb es trotzdem. Denn manchmal weiss selbst dieser Pfarrer mit seinen vielen Ideen nicht, womit er Jugendliche heute noch überraschen soll. Es ist nicht leicht angesichts einer buchstäblichen Erlebnisindustrie, Akzente zu schaffen, in denen die Natur, die Ruhe und Gott faszinieren können.
75 Gesichter und ein Plan
Aufgeben ist dennoch nicht Stahmanns Art. Für Konfirmandenprojekt 25-26 fotografierten die Jugendlichen 75 Gesichter. Die Porträts waren Teil des globalen Inside-Out-Projekts des französischen Künstlers JR. Grundsätzlich sollen die ausgedruckten Poster auf Aussenwände geklebt werden. Da aus denkmalrechtlichen Gründen das Kirchengebäude nicht in Frage kam, sollte die Mauer vor dem Kirchgemeindehaus mit den Konterfeis der Jugendlichen plakatiert werden.
Aber auch hier haben die kantonalen Vorgaben der Idee einen Strich durch die Rechnung gemacht. Also hat Stahmann mit der Kirchvorsteherschaft eine Alternative realisiert: Alle 75 Fotos wurden auf fünf Meter lange Blachen gedruckt, die an der Kirche und im Aussengelände für 14 Tage zu bestaunen waren. So wurde Kirche dann doch ungewöhnlich sichtbar: Inside-Out. Denn es sind Menschen, die Kirche prägen, Menschen als «living stones» oder eben «lebendige Steine».
Die nächste Idee ist geplant - Bestseller-Autor kommt
Der Zürcher Schriftsteller Thomas Meyer soll für eine Lesung nach Scherzingen kommen. Meyer hat unter anderem das Bilderbuch «Herschel, der Gespensterhund» geschrieben, eine Geschichte über einen alten Familienhund, der nach seinem Tod auf ganz eigene Weise bei seinen Menschen bleibt. Wie viele Kinder dafür tatsächlich in die Kirche kommen werden? Stahmann weiss es nicht. Gerade die Jüngeren abzuholen, sei schwierig. Aber auch hier gilt für ihn: Einen Versuch ist es wert.
Christian Stahmann hat nicht auf alles eine Antwort. Aber Ideen hat er viele. Und vielleicht ist es genau das, was er sich von Scherzingen erhofft: dass man ihm und seiner Kirche die Chance gibt, einige davon auszuprobieren.
Von Desirée Müller