Unter anderem wird Theologin Nicole Bormann in Zukunft Taufen und Trauungen begleiten sowie Beerdigungen leiten. mul
01.10.2026 11:02
Ein Neuanfang mit Gottes Segen
Mit Nicole Bormann übernimmt in Weinfelden erstmals eine Frau die Pfarraufgaben der Katholischen Kirche
Ende Jahr tritt die 33-jährige Nicole Bormann als Pfarreiseelsorgerin mit Leitungsfunktion in der katholischen Pfarrei St. Johannes ihre Stelle an. 500 Kilometer von ihrem früheren zu Hause entfernt. Am 1. Oktober hat sie ihre Arbeit als Seelsorgerin aufgenommen und lernt die nächsten Monate noch vom bisherigen Leiter Armin Ruf.
Weinfelden Nicole Bormann lacht viel und gerne - auch über sich selbst, was sie umso sympathischer macht. «Vor ein paar Tagen haben meine Jungs eine Sendung im Fernsehen geschaut», erzählt sie. Noch vor zwei Wochen wäre dies nicht erzählenswert gewesen, doch: «Ich dachte immer, ach was denken die Leute, wenn sie am Pfarrhaus vorbeigehen und meine Kinder vor dem Fernseher sitzen?». Das neue Heim der Bormanns liegt in der Mitte zwischen Kirche und Gemeinde. Exponierter und näher am Arbeitsplatz gehts fast nicht mehr. Nicole schmunzelt. «Oder auch wo im Haus ziehe ich mich am besten um?», sagt die 33-jährige und lacht herzlich.
Ihr früheres zu Hause lag 25 Kilometer von der Kirche entfernt. «Die Nähe von Arbeitsplatz und Haus ist aber extrem hilfreich, um den Alltag zu meistern mit zwei kleinen Kindern.» Früher musste die Pfarreiseelsorgerin und Pastoralreferentin einmal mehr überlegen, ob sie nochmals ins Auto steigt um was im Büro zu erledigen. «Hier bin ich immer vor Ort, wenn mich jemand braucht.» Doch wie ist sie überhaupt hier gelandet vom weit entfernten Westerwald?
Der liebe Gott half mit
«Durch einen absoluten Zufall, oder wie man im kirchlichen Kontext sagen würde, der liebe Gott hat da sicher die Finger im Spiel gehabt.» Im vorherigen Bistum waren die Stellen knapp besetzt, sie und zwei Pfarrpersonen waren für 8000 Katholikinnen und Katholiken zuständig. «Aus Interesse, wie es andere Bistümer handhaben, habe ich deren Webseiten durchforstet und diverse Stellenangebote entdeckt.» Von einer Seite zur nächsten landete sie auf einer Schweizer Webseite. «Ich hatte mich noch nie davor mit dem Schweizer Kirchensystem beschäftigt», so Nicole Bormann. Doch irgendwie packte sie der Gedanke an ein Leben über der Grenze.
«Mein Mann sagte zu mir, dass ich sehr nachdenklich wirke in letzter Zeit, und damit traf er den Nagel auf den Kopf.» Nach Gesprächen mit dem Bistum war schnell klar: Schaffhausen oder Weinfelden wären für unsere Familie perfekt. «Wir schauten uns die beiden Städte online an und der Fall war schnell klar: Weinfelden gefiel uns sehr gut.» Auch die Gespräche mit dem Team, voran Gemeindeleiter Armin Ruf, schürten den Wunsch weiter nach einer Veränderung.
Gesagt, getan. «Ich kündigte einen sicheren Job. In Deutschland wäre ich unkündbar gewesen, doch das System in der Schweiz empfinde ich als persönlicher Motivator für gute Leistung.» Sie war auch an ihrer alten Arbeitsstelle sehr engagiert. Doch zu wissen, dass man jederzeit den Job verlieren könne, gebe besonderen Anreiz, um eine gute Leistung zu erbringen. Denn der Umzug in die Schweiz soll nicht als Intermezzo enden.
Erst mal zuschauen und lernen
Offiziell ist sie als Seelsorgerin angestellt. Doch das Stellenprofil ist das selbe wie bei ihrem Vorgänger Armin Ruf. Dieser wird sie noch bis Ende Jahr begleiten. «Das ist wirklich ein Geschenk. Vor allem das Wissen um die Geschichten und Themen, die einzelne Gemeindemitglieder beschäftigen, ist in meinem Beruf unfassbar wichtig.» Sie wolle aber nicht alles neu erfinden. «Das Team ist sehr gut aufgestellt, die Projekte laufen und der Ideenreichtum der Mitarbeitenden ist beeindruckend.» Wenn sich Möglichkeiten ergeben, werde sie sich für neue Angebote einbringen. Doch vorerst heisse es zuschauen und lernen.
Neubeginn auf für ihre Familie
Auch für ihren Mann Thomas bedeutet der Umzug in die Schweiz einen Neuanfang. Er wünscht sich eine Anstellung als Lehr- oder Klassenassistenz, um einen Einblick ins Schweizer Bildungswesen zu erhalten. «Er hat die Ausbildung zum Resilienztrainer gemacht», erzählt Nicole. Das Angebot in Deutschland heisst «stark auch ohne Mukis» und habe vor allem das Verhindern von Mobbing zur Aufgabe. «Somit ist es auch für ihn ein spannender Neuanfang.» Ihre Kinder Hannes und Michel hätten sich bereits nach einem Monat super eingelebt. «Hannes geht in den Kindergarten und meinte vor ein paar Tagen, wir hätten hier wirklich ein schönes zu Hause gefunden. Und der 3-jährige Frechdachs Michel ist sowieso überall gleich zu Hause. Das tat mir unglaublich gut.»
Denn nicht nur einen Job und ein Haus liessen die Bormanns zurück, sondern auch ihre Familie. «Hier sind wir alleine, ohne Opas und Omas, ohne Geschwister und Freunde. Doch wir wurden so herzlich aufgenommen, dass wir uns nicht alleine, sondern bereits wie zu Hause fühlen.»
Desirée Müller