Schulleiter Andreas Schweizer sorgt für eine erfolgreiche Zukunft.
09.07.2026 09:47
Neuer Takt für Musikschule
Stiftung statt Verein - Das Zentrum für Musik und Tanz Weinfelden stellt sich neu auf
Nach 58 Jahren wird der Verein aufgelöst. Schulleiter Andreas Schweizer spricht über Wehmut, neue Strukturen, politische Risiken und darüber, warum Musik und Tanz kein Luxus sind.
Weinfelden Die MusikschuleWeinfelden schlägt ein neues Kapitel auf.
Der traditionsreiche Verein wurde formell aufgelöst, die Stiftung Zentrum für Musik und Tanz übernimmt künftig Betrieb und Immobilien. Für Schulleiter Andreas Schweizer ist das kein blosses Verwaltungsthema, sondern ein strategischer Schritt. Die Musikschule soll beweglicher werden, stabiler aufgestellt sein und auch in Zukunft funktionieren, unabhängig von einzelnen Personen.
Stück Geschichte verschwindet
Ein wenig weh tue es schon, sagt Andreas Schweizer. Schliesslich verschwindet mit dem Verein Musikschule Weinfelden ein Stück Geschichte. «Ich bin Bürger von Weinfelden. Ich habe Leute gekannt, die diesen Verein gegründet haben.» 58 Jahre lang prägte der Verein die Musikschullandschaft in der Region Mittelthurgau. Nun wurde er formell durch die Schulgemeinden aufgelöst. Die operative Verantwortung liegt seit Anfang 2026 bei der Stiftung Zentrum für Musik und Tanz, die bereits für die Immobilien zuständig war. Der Anfang der Musikschule Weinfelden liegt in einer Zeit, in der Stadt und Land näher zusammenrückten. Menschen aus städtischen Regionen zogen in den 1960er Jahren aufs Land, auch nach Weinfelden. Sie brachten nicht nur neue Wohn- und Arbeitsgewohnheiten mit, sondern auch den Wunsch nach kulturellen Bildungsangeboten. Was in Städten selbstverständlich war, fehlte auf dem Land
noch weitgehend: Musikunterricht mit Struktur, Qualität und Verlässlichkeit. Daraus entstand 1968 der Impuls zur Gründung der Musikschule Weinfelden. Aus einem lokalen Bedürfnis wurde später ein Modell mit Ausstrahlung in den ganzen Kanton. Trotz aller Wehmut ist für Andreas Schweizer klar: Nostalgie darf nicht verhindern, dass eine
Institution rechtzeitig auf die Zukunft ausgerichtet wird. «Die Zeiten ändern sich laufend. Die goldenen Jahre sind vorbei.» Musikschulen müssten heute schneller reagieren,
soliderplanenundihreKräftegezielter einsetzen.
Kleiner, klarer, beweglicher
Bisher war die Musikschule als Verein organisiert. Mitglieder waren die
Schulgemeinden der Region. Im
Thurgau gibt es verschiedene Modelle: Manche Musikschulen sind in
Städte oder Schulgemeinden integriert, andere als Vereine organisiert, wieder andere über Stiftungen getragen. Weinfelden geht nun den Stiftungsweg.Ein Stiftungsrat sei
an Stiftungsaufsicht und Stiftungszweck gebunden. «Man muss langfristig überlegen: Was machen wir und was machen wir nicht?». Die Antwort fällt bewusst klar aus. Musik und Tanz bleiben die Kernkompetenz. Schauspiel kann dort dazukommen, wo es für Musicals oder Bühnenprojekte sinnvoll ist. Weitere Geschäftsfelder wie Malkurse sollen nicht eröffnet werden. «Schuster, bleib bei deinen Leisten», sagt Schweizer. «Wir wollen uns nicht strategisch verzetteln.» Genau darin sieht er die Stärke der neuen Struktur. Statt grosser Vereinsgremien mit immer schwieriger zu findenden Ehrenamtlichen soll ein kleiner, gut zusammengesetzter Stiftungsrat strategisch führen. Immobilien, Finanzen, Pädagogik, Recht, IT, Baufragen, Personal und Politik verlangten heute viel Fachwissen. «Lieber fünf Leute, die sich richtig Gedanken machen, als 18 Leute, bei denen am Schluss vieles liegen bleibt.» Der Stiftungsrat könne Kommissionen einsetzen und bei Bedarf rasch reagieren. Wenn nötig, sitze man innert 24 Stunden am Tisch. Mehr Platz, aber kein Prestige
Heute zählt die Musik- und Tanzschule rund 900 Fachbelegungen. Der Standort beim Bahnhof ist zentral, gut erreichbar und stark nachgefragt. Gerade für Weinfelder Kinder ist das ein Vorteil: Sie kommen mit dem Velo oder zu Fuss. Gleichzeitig betont Schweizer, dass das regionale Finanzierungsmodell sorgfältig austariert sei. Rund 36 Prozent der Schülerinnen und Schüler kommen aus Weinfelden, viele weitere aus Aussengemeinden. Die beteiligten Schulgemeinden tragen ihren Anteil. Wo eine Schulgemeinde nicht Mitglied ist, zahlen die Eltern entsprechend mehr. Nun soll die Infrastruktur weiterentwickelt werden. Mit der Liegenschaft Hermannstrasse 5a steht eine
dritte Immobilie beim Bahnhof im Fokus. Sie soll in den kommenden Jahren für Musik- und Tanzunterricht umgebaut werden. Das heutige Zentrum ist für die steigende Nachfrage und die Bedürfnisse kultur- und bildungsnaher Institutionen zu eng geworden. Gleichzeitig richtet sich das Angebot längst nicht nur an Kinder. Auch Erwachsene und ältere Menschen sollen Zugang finden. Manche hätten als Kind
nie die Möglichkeit gehabt, ein Instrument zulernen. Andere seienfrüh als «unmusikalisch» abgestempelt worden. «Da sind in Schulen tiefe Verletzungen passiert», sagt Schweizer. «Wir wollen, dass Menschen Zugang finden.» Musik darf kein Spielball sein
Der strukturelle Neuanfang fällt in eine politisch sensible Zeit. Musikschulen sind im Thurgau im Volksschulgesetz verankert. Trotzdem beschäftigt Schweizer die Frage, wie sicher die Verankerung ist. Schon Ende der 90er-Jahre habe es Diskussionen um die Finanzierung gegeben. Dass er solche Debatten nochmals erleben müsse, erstaune ihn. Fürihn ist klar: Musik- und Tanzunterricht darf nicht zum Sparposten werden. «Das darf nicht Spielball der Finanzpolitik sein. Das wäre ein Knieschuss.» Wenn die öffentliche Hand ihre Beiträge reduziere, lande die Rechnung bei den Familien. Dann werde musikalische Bildung stärker vom Portemonnaie abhängig. Das widerspreche dem Grundgedanken einer Musikschule.
Von Desirée Müller